Phantasmagorien.

I.  E I N S A M E   S T E P P E  .

Goldgetünchte Sprenkel, im Schneckenschritt auf meinem Körper. Am Ginsterstrauch trocknet die Wäsche und die Muskeln zieren sich noch. Ganz oben kreist ein Stammesadler, der Trommelschlag diktiert den Takt. Die Luft steht still wie Totempfähle, Vanilleduft flaniert vorbei. Ich streck die Arme in die Sonne und hüpf auf einem Bein zum Bach. Tatendrang brennt schon im Feuer, nur einen Schattenwurf entfernt. Zieh alte Pfeile aus der Brust und lauf auf braunen Stoppelfeldern wach in Richtung Gipfelkreuz. Mit Lasso aus der Westentasche fang ich ein Pferd und reite weiter – immer dort, wohin es zieht. Vertrautes Schnaufen, warme Glieder, Hufe fräsen Herzkonturen in den staubbedeckten Grund. Der Weg ist weit, will auch nur spielen, Kornblumen blühen an seinem Rand. Herbstlaub füllt die Friedenspfeife, ich pfeif auf Kriegsbeil, Streitaxt, Hund. Liegen alle längst begraben, ein Weidenreif markiert den Platz. Schieß mir den roten Federschmuck und lach dem Nachtwind ins Gesicht. Aus Hölzern bau ich mir ein Zelt und mal mit purpurfarbenen Beeren große Sterne an die Wand.

II.  W I L D E R   O Z E A N  .

Spazier mit Fallschirm auf der Reling, Kompass und Fernglas um den Hals. Die große blaue Welt und ich spielen wortlos Clyde und Bonnie. Sie wiegt mich hoch und wieder runter, der Wellengang geht schweigend mit. Häng in den grobgestrickten Seilen, doch unterm Vollmond immerhin – mein Atem bildet Hauchfiguren, wie ich sie nie gesehen hab. Das Meer schwappt trüb im Silberzwielicht, Schleierschlieren ziehen vorbei. Auf algenglatten Felsvorsprüngen schaukeln schwarze Silhouetten, während Schiffsschrauben sich drehen. Die Möwen sind schon eingeschlafen, Delfinparaden gibt es nicht. Die Gischt macht funkelfeuchte Wangen, am Horizont ertrinkt die Angst. Ich tanze, wie die Wilden tanzen, auf die Freiheit noch ein Glas! Die Planke birst in Eiskristalle und regnet Funken himmelwärts. Mein Herz klopft an, sticht ab nach Hause. Doch Lebenswut rast ungebremst. Werf meine Schuhe über Bord und sing laut ein Matrosenlied.

III.  G O L D E N E S   P A R A D I E S  .

Wie alles im Spektrallicht flackert, der Tag ist pünktlich aufgewacht. Mit Augen zu sitz ich am Steuer, links und rechts nur Sandsteinhäuser in weißbuntem Farbkostüm. Du sitzt daneben, lachst ganz schelmisch und soufflierst mir unseren Weg. Fenster runter, Dach weit offen, nichts als Krümel im Gepäck. Immer schneller bläst der Fahrtwind, ist Acapulco weit von hier? Ich will die warme Seeluft trinken, in tiefen Zügen Wagnis spüren, ein Stück von mir im Sand verlieren. Vielleicht den Druck und alle Zwänge, mit Plastikschaufel wegradiert. Streif ziellos durch Korallenbänke, lass uns ein Haus aus Blättern nähen – die Nadel leg ich unters Vordach, denn wenn sie heiß wird, hält es nicht. Aus Sonnenmilch ein Schreibschriftsatz, geschrieben hinter deine Ohren: Ich wollte ja schon immer alles, doch noch viel mehr will ich das! Du glitzerst zwischen Sonnenplätzchen. Schweiß tropft still auf Kokosschalen. Ich nehm die Gitarre und spiel schneller, bis meine Finger sich verlieren.

IV.  R A U E   K Ü S T E  .

Wenn Donner aus den Wolken brechen, will ich im weißem Leuchtturm sein. Eingelullt von Kerzenlicht und Düften. Draußen tosen Sturmgeschwader, wabern heimatlos umher. Das Nebelhorn warnt laut im Dreiklang, während die Gedankenblasen an den Scheiben kondensieren. Regen rinnt durch unsere Ohren, krault das Dach am großen Zeh, und in schweren Mohairdecken schlürfst du Sahne mit Kakao. Denn Sorgen sind nur Hirngespenster, hier im schussgeschützten Zelt. Ein Windstoß löscht das Ofenfeuer mit Handkussluft, so federleicht. Du sagst, eines Tages wird es da sein, irgendwann mehr als ein Traum. Grell zuckt es zwischen Stallgebäuden, irgendwo blökt noch ein Schaf. Ich lass mich kreisen, bin ein Schmierblatt, wirbel wendig im Orkan. Glaub nicht an gestern, heut und morgen, löse mich auf und schlafe ein.

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