Das fliegende Haus und die friedliche Seele des alten Mannes.

EIN KLEINES MODERNES WEIHNACHTSMÄRCHEN

 

Es war einmal ein Haus, in dem lebte vor vielen Jahren für sehr lange Zeit ein Mann. Der Mann suchte zu seinen Lebzeiten immer wieder die sagenumwobene große Freiheit. Wie alle Menschen strebte er diese rätselhafte, weite Grenzenlosigkeit an. Doch niemals und nirgendwo fand er sie. Immer wieder verlor er sich in den Weiten des Horizonts …

Wenn er dann zurück kehrte in sein Haus, erzählte er den Wänden oft in der Stille von seinen Gedanken, Gefühlen und Träumen. Manchmal kullerten ihm dicke Tränen über die Wangen und fielen auf den Holzfußboden unter seinen Sohlen. Das Haus hörte ihm zu. Doch es konnte ihm nicht helfen. Nur den Schutz und die Gewissheit bieten ein Stück Heimat zu haben, an die er immer zurück kehren kann, um sich ausruhen zu können von der langen Suche nach der fernen und fremden Freiheit. Alle Menschen um den Mann herum strebten haltlos und ihre Sehnsüchte schienen endlos. Der Mann war mit den Jahren schwach geworden, doch in all der Zeit fand er dennoch das Größte was er finden konnte, um die wahre Freiheit berühren und erleben zu können: Er fand zu sich selbst, erkannte seine Einzigartigkeit, lernte sein Leben zu schätzen und fand dadurch die Liebe zum Leben. Irgendwann brauchte er nicht mehr suchen, denn er lebte und erkannte das Geschenk seines freien Atems.

Als der Mann in einem stolzen Alter verstarb, lies er zwischen den Wänden, den dunklen Fußbodendielen und in den Räumen seine Geschichte zurück. Das Haus blieb ihm verbunden, es war seine kleine Heimat und ein Teil seiner gewonnenen tiefen Liebe zum Leben. Es löste sich von den Fesseln seiner Erdung und schwebte hinauf in Richtung des grenzenlosen Firmaments. Hin zu den Engeln. Hin zu dem Menschen, der es einst erbaut hatte, als dessen Muskeln noch stark waren und seine Hände ruhig ihr Handwerk verrichten konnten. Das Haus flog über die Welt der Menschen, die orientierungslos rannten und strebten und sich weiterhin in all den ihnen gegebenen Möglichkeiten von Selbstverwirklichung und fälschlichem Reichtum verloren. Die mehr und mehr blind für die kleinen Dinge wurden, welche direkt vor ihren Füßen lagen. Vielleicht, irgendwann einmal, wird es diese Grenzen erreichen, um vielleicht dort anzukommen, wo der Mensch sein Ziel finden könnte: An den Grenzen seiner selbst, um wieder bei sich selbst anzukommen um anderen geben zu können und einfach einmal zu bleiben.

Und so schwebt das Haus, vielleicht noch bis heute, mit den Wolken. Lässt sich haltlos treiben mit dem Wind. Lässt es geschehen, wie es geschieht. Es gleitet dahin mit dieser Liebe und der Losgelöstheit, das Haus mit der friedlichen Seele des alten Mannes.

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