Reue.

„Wenn das Schicksal ihn doch Reue empfinden ließe, brennende Reue, die das Herz zerbricht, die den Schlaf verscheucht, eine Reue, deren furchtbare Qualen einen vom Strick und vom Sturz ins Wasser träumen lassen! Oh, wie froh wäre er darüber gewesen! Qualen und Tränen sind doch auch Leben.“

(Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

Reumütig bin ich – ab und an, doch immer bezogen auf den Kontext. Betrachte ich die Reue bezogen auf mein Leben, auf mich, meine Entscheidungen und ohne das Einbeziehen anderer in meine Gedanken, kann ich klar sagen: “Nein, ich bereue nichts. Nicht eine Sekunde, nicht eine Entscheidung, nicht einen Weg, den ich eingeschlagen habe.” Sicher gibt es das ein oder andere Mal des Haderns und des Grübelns, kleine und auch große Zweifel. Doch blicke ich tief in mein Herz, lasse meine Seele sprechen, so finde ich keinen Grund zu bereuen. Ich glaube fest, dass jede Entscheidung, jeder Schritt seinen tieferen Sinn hat. Die einen nennen es Schicksal, andere glauben – woran auch immer.

Auch wenn es manchmal die “falsche” Entscheidung gewesen zu sein scheint oder gar ein Verzögern, Verdrängen oder Verschieben bereits eine Tür hat zufallen lassen, so öffnet sich doch meist eine andere. Bereichert durch die gewonnenen Erkenntnisse, gestützt durch die erlebten Erfahrungen und getragen vom zumeist spürbaren Lerneffekt, fühle ich mich bestätigt in meinen Gedanken. Zugegebenermaßen, Fehler mache ich – natürlich, wie jeder von uns. Doch versuche ich aus ihnen zu lernen, nehme sie an. So kehrt sich meist vermeintlich Schlechtes dann doch zum Guten, obgleich es manches Mal eine schmerzhafte und am eigenen Leib zu spürende und harte Lektion sein kann. Jede Entscheidung, ob gut oder schlecht, hat mich doch weitergebracht, mich zu dem gemacht, was ich heute bin und morgen sein werde. Am Ende des Tages bereue ich nichts. Denn, was wäre, wenn ich diese Erfahrung nicht hätte machen können? Was dann? Stagnation? Nichts scheint schlimmer als das.

Und dann gibt es noch, wie so oft, die andere Seite der Medaille, eine andere Form der Reue. Reue im Sinne der Selbsterkenntnis und vor allem Einsicht bezogen auf andere. Reue als Folge einer Handlung, die nicht zwingend nur mich selbst betrifft. Ein Moment, in dem ich vielleicht jemandem zu Nahe getreten bin, einen Menschen verletzt habe – körperlich oder auch seelisch. Bereue ich dann, was ich getan habe? Oh ja, ich glaube schon. Diese Form der Reue spüre und erlebe ich anders, denn nicht nur die Perspektive dieses zu betrachten, ist eine andere, sondern viel mehr wiegt der Aspekt schwer, dass es nicht nur mich selbst, mein Handeln, mein Leben betrifft. Ich in einem solchen Augenblick vielleicht nicht nur für mich selbst entschieden habe, ich eventuell beim Beschreiten meines Weges, jemand anderem heftig auf den Fuß getreten bin. Sobald eine weitere Seele, ein weiteres Herz, ein anderer Mensch betroffen ist, kann und muss ich Reue zeigen – und will es auch. Vor allem natürlich, wenn es unrecht ist, was ich gesagt, getan oder nicht getan habe. Wenn ich dem Menschen unverschuldet Leid zufüge, ihn verletze. Ja, dann bereue ich – zu tiefst. Und das ist auch gut so.

Nichtsdestotrotz beziehe ich dann auch in diese Gedanken der Reue die Frage nach dem Sinn mit ein. Frage mich, warum ist es geschehen, wieso passiert das jetzt? Warum handelst du so? Wieso hast du das getan. Nicht um mir selbst etwas schön zu reden oder gar eine Teilschuld abzuwälzen, sondern viel mehr um zu begreifen, zu verstehen, daraus zu lernen, es bei einem möglichen nächsten Mal anders zu machen. Es hilft mir die Tat zu bereuen, und dennoch nicht an dieser zu verzweifeln.

„Nur wer bereut, dem wird verziehen.“

(Dante Alighieri)

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