Fernweh.

„Daheim ist es am schönsten.“, denken wir uns, wenn wir von Reisen wieder den Schlüssel in das Schloss stecken und uns der bekannte Geruch entgegen weht. Ich rieche nichts als ich die Wohnung betrete. Zumindest nichts Besonderes, sondern eher den Staub auf dem Regal. „In zwei Tagen ist er eh wieder da“, denke ich mir und lasse ihn liegen. Genauso wie die Post. Handyvertrag, Strom, Miete und Prospekte, die mich dazu nötigen, noch mehr zu kaufen, als ich eh schon habe. Und da liege ich auf der seit Wochen unbenutzten Decke und schalte zum dritten Mal durch das TV-Programm. Dem Rest der Wohnung habe ich immer noch keinen Blick gewürdigt. Die Bilder an der Wand sind eben immer noch dieselben, der Mülleimer immer noch überfüllt, Bücher auf meinem Nachttisch immer noch nicht gelesen, Pflanzen auf meinem Fensterbrett seit Wochen nicht gegossen. Hängender Kopf – auch bei der Orchidee. Ich lasse den Blick weiter schweifen, schüttel still mit dem Kopf, schalte den LCD-Fernseher wieder aus und stehe auf. Ich nehme die Reisetasche, kippe sie aus, lasse den Wäschehaufen unbeachtet liegen und stopfe neue Wäsche die Tasche. Alles was mir unter die Finger kommt, egal was zusammen passt, egal wie viel. Werfe die Tasche um die Schulter und schließe die Tür hinter mir.

Frischer Geruch, zwei drei Nasen voll duftender Freiheit und ich beginne zu grinsen. Ich muss fort, ich muss raus, ich muss weg, aus diesem Gefängnis, dass sich mir hin und wieder gerne als mein Leben vorstellt. Am besten irgendwohin, egal, nur dahin, wo mich niemand kennt. Laufen, einfach nur laufen und atmen, einfach nur atmen. Der nächste Bus, der nächste Zug. Weit weit weg ist nicht genug. Der Akku meines Smartphones seit Tagen schon leer, hier ist das kein Problem. – Keine Angst, angerufen zu werden, keine Angst auf Abruf arbeiten zu müssen, Keine Angst einen Facebook zu verpassen, keine Angst wieder jemanden zu verlassen. – Nur die Angst, bald wieder den Rückweg antreten zu müssen, nur die Angst, bald wieder im Takt des Alltagstrott zu wippen, nur die Angst, bald wieder auf der Straße erkannt zu werden, nur die Angst, bald wieder an der Beständigkeit innerlich zu sterben.

Und so kehre ich zurück, irgendwann. Mit geschlossenen Augen drehe ich den Schlüssel herum und betrete meine Wohnung. Erster Atemzug, Staub. Ich schließe die Tür. Die Staubschicht noch ein bisschen gewachsen, drei der zehn Bilder von der Wand gefallen. Die Tasche in die Ecke geworfen, im TV immer noch das gleiche flache Entertainment. „We love to entertain you.“ – Willkommen zurück, Alltagstrott. Die Orchidee hat beim Blick aus dem Fenster ihren Kopf verloren, hat sich nach der Freiheit der Ferne gesehnt, hat sich immer mehr in Richtung Fenster gelehnt, doch war nur zum Leben geboren. Und ich bin manchmal diese Blume, ausgetrocknet, verdurstet, verschlossene Blüte, verlorene Güte. Und so betrachte ich dieses bemitleidenswerte Häufchen Elend, das einst so bunt strahlte, blicke nach draußen, grinse. – Denn ich glaube fest daran: Irgendwo da draußen gibt es diesen einen Ort. Ich habe nie aufgehört davon zu träumen, werde nie aufhören von diesem zu träumen. Von diesem Ort an dem Frauen nicht nur auf meinen Kontoauszug schauen, an dem Freundschaften nicht auf Lügen aufbauen, an dem meine Mitmenschen mir erst in die Augen blicken, an dem nur liebende Paare miteinander ficken, an dem erst nach einem gemeinsamen Spaziergang urteilt, an dem der Alltag seinem Trott enteilt, an dem mir meine Ex noch Nachrichten schreibt, an dem jeder ist wie er ist und auch bleibt, an dem Werte und Ideale nicht aus Glas sind, an dem es niemanden nach Mord oder Betrug sinnt, an dem jeder aus dem Brunnen des Glücks trinkt, an dem keiner in der Aussichtslosigkeit seiner Träume versinkt, an dem jeder endlich Respekt empfängt, an dem sich niemand mehr ausweglos erhängt, an dem ich meiner Zelle hinter mir lasse, an dem ich lerne, mich endlich zu lieben und zu leben und Liebe zu geben.

Ich muss fort, ich muss raus, ich muss weg, aus diesem Gefängnis, dass sich gern im Alttag mein Leben nennt, am besten irgend wohin, egal, nur dahin, wo mich niemand kennt. Gedankenverloren bemerke ich nicht, dass die Straßenlaternen schon aufleuchten. Ein letztes Mal schnappe ich mir meine Reisetasche und werfe die schmutzigen Klamotten auf den immer größer werdenden Berg. Vielleicht sollte ich ihn verbrennen, denke ich mir, als ich die Tasche wieder mit neuen Klamotten fülle. Ich packe bis mein Kleiderschrank leer ist wie meine Hülle. Setze ein letztes Mal meine Mütze auf, öffne ein letztes Mal die Gefängnistür, nehme einen letzten verschnupften Atemzug und bin weg. Dorthin, wo man Leben noch Leben nennt, und Liebe noch Vertrauen kennt. Ich bin weg, Ich bin raus. Denn ich rieche plötzlich wieder etwas Besonderes und schmecke Freiheit.

Daheim ist es wohl am schönsten,
aber für mich ist es doch eher wie ein Auswärtsspiel.

© nach Kevin Reichelt

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