Nachtmenschen / Carpe Noctem

When Light Leaks In (1)

Jetzt wo die Tage kürzer sind bekommen viele Menschen schlechte Laune. Dabei lebt es sich nachts auch gut – nur anders… Es gibt Sommermenschen und Wintermenschen, Partymenschen und Arbeitsmenschen, Stadtmenschen und Landmenschen, Naturmenschen, Genußmenschen, Musikmenschen und sogar Affenmenschen. – Ich bin des öfteren ein Nachtmensch.

Sicher, das behaupten viele Leute von sich. Häufig wird das einfach mal daher  gesagt, zum Beispiel auf einer Party oder in einer Disco. Es ist wahrscheinlich schon spät und die Stimmung ist gut, man kommt mit einer tollen Frau ins Gespräch und will dass der Abend noch länger dauert. Und dann sagt man das so, zwischen zwei Gesprächsthemen: “Ich bin ein Nachtmensch!” Aber die Nacht auch ohne Party oder Disco lieben zu können, ganz alleine und ohne viel Brimborium – das ist etwas anderes! Wenn der gesamte Freundeskreis schon in Morpheus Armen liegt, die letzte Bahn schon weg, die Szenekneipen geschlossen und die Spätvorstellungen zuende sind, dann sind besonders werktags nur noch ganz besondere Leute unterwegs. Man kann sie auf den ersten Blick erkennen und ganz leicht unterteilen: Die die nicht schlafen können, die die nicht wollen, die die nicht dürfen und schließlich, die die nicht müssen. Das sind die Glücklichsten.

Für uns Nacht-Streuner spielt es kaum eine Rolle, ob wir genug Geld haben, die richtigen Beziehungen zu den richtigen Leuten oder die angesagten Klamotten. Klar, tagsüber spielt das auch für uns eine große Rolle und kann einem den letzten Nerv rauben, aber nachts…, nachts genießen wir einfach das Leben. Es ist völlig egal, wo du bist und womit unterwegs und ob es schneit oder der Mond scheint. Die Luft riecht besser, Gebäude sehen schöner aus, weil die Schatten häßliche Ecken verschlucken, es ist alles ruhiger und Du hast mehr Platz, egal ob Du auf der Autobahn fährst ohne dauernd die Spur wechseln zu müssen oder mit dem Fahrrad in der Stadt – freihändig mitten auf der Hauptstraße. Telefonieren ist billiger und wer sich nachts noch die Mühe macht, mit Dir zu unterhalten, hat auch was zu sagen und die Zeit zuzuhören. Selbst das Fernsehprogramm ist nachts besser. Bei Nacht ist die Welt einfach eine andere. Wie ein Paralleluniversum. Wenn es draußen dunkel wird, dann besinnt sich auch das Drinnen oft seiner Schattenseiten. Es ist die beste Zeit für Weltverschwörungstheorien, Liebesschwüre, wilden Sex, üble Drogen und schlechte Witze. Nur bei Nacht wirken ganz bestimmte Filme und Melodien. Einige Geschichten scheinen gar überhaupt nur für die dunklen Stunden komponiert worden zu sein. David Lynch funktioniert im Vormittagsprogramm genausowenig wie Massive Attack bei Sonnenschein.

Und es ist mit Sicherheit eine wissenschaftliche Tatsache, dass Menschen die Sonnenenergie zum Leben brauchen wie Wasser. Aber es ist der Wechsel zwischen Tag und Nacht, der uns fasziniert. Es sind die farbenprächtigen, viel zu kurzen Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, die Tausende von Künstlern inspiriert haben, es sind die Sonnenfinsternisse, die die Menschen gebannt zum Himmel starren läßt, es sind die sternenklaren ebenso wie die stockfinsteren Nächte, die unsere Emotionen von Grusel bis Romantik wecken, es ist der Mond der uns gar nicht schlafen oder schlafwandeln läßt, selbst das Wasser läßt sich davon beeinflussen.

Nur eins muß auch der unbeschwerteste Nachtschwärmer beachten: Rechtzeitig ins Bett zu kommen! Der Zauber einer ganzen Nacht geht ganz schnell verloren, wenn Du in die Gesichter der ersten Morgenmuffel schaust, der schönste Sonnenaufgang verblaßt zur Farblosigkeit angesichts der Morgennachrichten und die wunderbare Stille der Nacht ist schneller Erinnerung als die erste Strassenbahn auf ihrem Weg in die Stadt. Und letzten Endes ist es ja dann doch der Schlaf mit seinen Träumen, der eine perfekte Nacht erst abrundet – und sei es auch zur Mittagszeit.

In diesem Sinne, eine geruhsame Nacht und einen wunderschönen guten Tag.

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