Vergebung

Es wäre nicht so, als gäbe es überhaupt einen perfekten Menschen. Niemand ist perfekt. Und das ist auch gut so. Wir werden erst durch unsere kleinen Fehler zu etwas Besonderem. Einzigartig. Liebenswürdig. Wer behauptet, er hätte keine Fehler, der lügt. Oder er ist einfach nicht in der Lage, zu seinen Fehlern zu stehen, was auch schon wieder ein Fehler ist. Aber Fehler sind ja gar nicht schlimm. Fehler sind menschlich und es ist gut, menschlich zu sein.

Es kann natürlich auch mal passieren, dass wir mit unseren Fehlern oder unserem fehlerhaftem Verhalten Menschen verletzten. Ihnen vor den Kopf stoßen. Sie ungerecht oder lieblos behandeln. Meistens tun wir das nicht mit Absicht. Niemand ist gerne ein schlechter Mensch. Wir tun es meist einfach nur, weil wir es nicht besser wissen oder nicht besser können. Wir sind in solchen Fällen nicht darauf angewiesen, dass der Andere uns das verzeiht. Natürlich ist das immer schön eine zweite oder dritte oder vierte Chance zu bekommen und wir hoffen auch meistens darauf. Wenn wir diese Chance aber nicht bekommen, haben wir die Möglichkeit, weiter und es beim nächsten Mal besser zu machen. Im besten Fall lernen wir daraus. Wachsen an unseren Fehlern. Werden besser. Oder finden einfach jemanden, der mit unseren Fehlern leben kann. Für den wir uns nicht bis zur Grenze des Erträglichen verbiegen müssen. So oder so ist es eigentlich ganz einfach für uns, wenn wir Fehler machen, auch wenn wir zwischendurch sicherlich ziemlich mit uns deswegen zaudern und uns manchmal selbst ein bisschen hassen.

Anders ist es, wenn wir derjenige sind, der unter den Fehlern anderer leiden mussten. Wenn wir die verletzte Person sind. Wenn man uns schlecht behandelt hat. Wenn wir mit dem Schmerz leben müssen. Das ist meist schwerer. Zunächst müssen wir uns bewusst werden, dass wir es eigentlich nicht verdient haben, so behandelt zu werden. Dass wir eigentlich mehr wert sind. Dann müssen wir uns damit abfinden, dass es eben passiert ist. Und dann haben wir die Wahl: Verzeihen, vergeben oder eben nicht. Es geht bei Vergebung nicht darum zu sagen: ”Es ist okay, was du getan hast”. Es geht darum, nicht mehr wegen dem leiden zu wollen, was der andere uns angetan hat. Es geht darum, weiter machen zu können. Wenn uns jemand verletzt hat, kommen wir da eh nicht mehr raus, ohne anders zu werden. Wir werden vorsichtiger bei anderen Menschen, manchmal ist unser Vertrauen in allem und jedem erschüttert. Wir wollen um jeden Preis vermeiden, dass wir noch einmal so leiden. Aber wenn wir lernen zu verzeihen, dann werden wir nur vorsichtiger und nicht hart.

Wir haben erst ein richtiges Problem, wenn uns die Fähigkeit fehlt, anderen zu verzeihen. Wir lernen nie, mit dem Schmerz zu leben. Anstatt dass er immer weniger wird und uns irgendwann los lässt, wächst er in uns wie ein Geschwür. Er wird uns jeden einzelnen Tag versauen. Wir verbittern und vereinsamen jeden Tag ein bisschen mehr. Wir fangen an jene zu hassen, die einen Fehler machten und verlieren den Blick dafür, dass niemand nur aus Fehlern besteht. Wir übersehen das Gute im Anderen und dem, was er uns gegeben hat. Wir vergessen, dass wir auch mal zusammen gelacht haben und wir glücklich waren, diesen Menschen zu kennen – wäre es anders, wären uns seine Fehler völlig egal. Wenn wir das Schlechte nicht akzeptieren, können wir das Gute einfach nicht mehr empfangen. Es geht ja auch gar nicht darum, so zu tun, als wäre nie etwas gewesen, das uns verletzte. Es geht nicht darum, dass man danach (wieder) die besten Freunde der Welt wird. Wir müssen ja gar nicht andere wissen lassen, dass wir ihnen verziehen haben. Es geht nur darum, dass man sich an die gemeinsame Zeit erinnern kann, ohne dass es weh tut und ohne dass man den anderen hassen muss. Es geht darum, zu wachsen an dem, was uns passierte und nicht Teile von uns sterben zu lassen.

Wenn uns jemand verletzt hat und wir  nicht wissen, ob wir demjenigen vergeben können oder nicht, sollten wir daran denken, dass wir es manchmal auch nötig haben, dass uns jemand verzeiht, denn niemand ist perfekt. Vergebung tut nicht weh – Wut hingegen schon. Es ist kein Zeichen von Schwäche. Es zeugt nicht davon, dass wir nicht wissen, was wir verdient haben oder nicht. Es ist auch kein Freischein für jeden mit uns machen zu können, was er will. Vergebung ist nicht nur Balsam für unsere eigene Seele. Es ist das Loslassen der Schmerzen. Es ist das Aufstehen und Weitermachen. Es ist das Wachsen im Leben und das Lernen, das uns davor bewahrt, die selben Fehler auch (nochmals) zu begehen. Es ist das Beste, was wir tun können – in jeder Situation.

text :: koliwy

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