Kein Einheitsbrei zum Tag der deutschen Einheit

Der Helmut wars und sprach zur deutschen Einheit: „Für mich ist dieser Augenblick einer der glücklichsten in meinem Leben.“ (Helmut Kohl, 1990 zur Deutschen Einheit) – Und noch heute heißt es: Mauern umgestalten. Tagtäglich. Die Herausforderung der Einheit im direkten Umfeld. Die eigenen inneren Mauern fallen lassen, um anderen Seelen Zugang zu gewähren in das eigene Ich. Sich abgrenzen können, jedoch nicht ausgrenzen. Die wirkliche Einheit scheitert oftmals noch immer in unseren Herzen. Seid Mensch und glaubt an die Liebe zum Leben…

Die wirklichen Hintergründe der meisten feierlichen Anlässe, die sich im Laufe des Jahres in unserem Land ansammeln, bleiben mir mangels historischem Interesses hinter einem grauen Schleier im Geiste verborgen und kann daher nicht viel mit diesem oder jenen anfangen, außer eben dass sie Feiertage sind und diese meist, aufgrund des vorherrschenden Alltags-Ruhestandes, zu einem wohligen Ambiente beitragen. Jedoch der Tag der deutschen Einheit hat für mich schon immer etwas stark emotionales, obwohl sich mein politisches, wie auch geschichtliches Wissen, doch eher im Bereich des destruktiven Unwissens und mangelhaften Interesses herum tummelt. Jedoch kann ich mich noch gut entsinnen als 1989 die Berliner Mauer fiel und 1990 der Rest der deutschen Nation wieder zueinander fand. Dieses später auftauchende Ossi- und Wessi-Geplänkel ging bei mir eigentlich schon immer Drüben rein und Hüben raus. Ich war damals 9/10 Jahre jung und sah die Bilder in unserem minimalen tragbaren Vierkant-Russen-Fernseher. Ich sah Trabanten über die Grenze duckeln, Menschenmassen kletterten auf die Mauern, Leute umarmten und küssten sich einfach so. Als diese Bilder das erste Mal über die Mattscheibe liefen, haben wir es gar nicht so richtig geglaubt und dachten ernsthaft es sei ein Scherz. Bis dann die ersten Jubelschreie auf der Straße zu hören waren und es sich herum sprach, dass die ersten Busse für die Fahrt “über die Grenze” klar gemacht wurden. Es war damals ein geniales Gefühl, als sich fremde Menschen in Bruchteilen von Sekunden zu Freunden wurden. Jahrzehnte lang getrennte Familien wieder zu einer wurden. Hoffnungslose Liebe sich zu neuer Leidenschaft entfachte. Wie wenn ein Käfig geöffnet wurde und die Vögel endlich wieder Freiflug in die weltliche Unendlichkeit bekamen. Die Sprache war Freiheit und nichts anderes. Ein wieder zueinander finden. Ehrlichste und tiefste Menschlichkeit spielte sich in diesen Augenblicken ab.

Und heute wenn ich Filme sehe, wie Sonnenallee, Herr Lehmann, Goodbye Lenin oder eben Zeitzeugenberichte, kommen diese Erinnerungen wieder hoch und mit ihr die Gänsehaut und der rasende Herzschlag. Im Alltag ist dieser Zauber schnell vergessen. Menschen gewöhnen sich so unwahrscheinlich schnell an neues und lassen es als “normal” festfahren. Und gerade dieses Kapitel der deutschen Geschichte, ist ein Stück weit, auch eines welches die Welt verändert hat. Es ist eine Geschichte von Menschlichkeit, Liebe und das Zeichen, dass Hoffnungen immer lohnenswert sind. Im Frieden nach Einigkeit suchen. Wenn etwas scheint gegen die Wand gelaufen zu sein, dennoch nicht das Leben hinzuwerfen und sich mit Selbsthass oder Selbstmitleid zu strafen. Mit Sicherheit wird in das eigene Leben kein Helmut Kohl treten, aber vielleicht ein Mensch, eine Situation, die alles revolutionieren kann. Es gehört oftmals ein Kampf dazu, ein Aufstand und vor allem ein offenes Herz. Die deutsche Einheit hat damals bis heute gezeigt, wieviel Macht Entscheidungen haben können. Und zu einer Entscheidung gehört auch das handeln. So sehe ich in und um mir auch ab und an kleine Fusionen, Friedensabkommen, Kompromissbereitschaft und Einheiten entstehen, die neues ermöglichen, weil das Alte nicht mehr tragbar ist.

So lässt sich Geschichte gut in das eigene Wohlbefinden, wie auch die Selbstfindung und -wahrnehmung übertragen und gibt Feiertagen noch viel mehr Sinn und Tiefe, als nur einen historischen Hintergrund und dem eventuellen daher fletzen auf dem heimischen Sofa. Und dass ist das, was mir persönlich Feiertage schenken: Sie schenken mir die Zeit und den Freiraum einen Blick auf mich, auf mein Umfeld und meine Lebenssituation zu werfen. Die Ruhe eines arbeitsfreien Tages konstruktiv zu nutzen. Und gerade an einem freien und vor allem historisch großen Tag wie der 3. Oktober, findet man vielleicht die Zeit in sich selbst, sich wahrzunehmen oder den Blick auf Nahestehende zu lenken, fern der Funktionalität des Alltagsstresses, um hier oder da eventuell auch eine kleine revolutionäre Wende einzuläuten. Ich freue mich die Wende ein Stück weit miterlebt haben zu können, wie auch die Entwicklungen bis heute. Mitzuerleben wie sehr auch mich und meine Mitmenschen der Umschwung beeinflusst hat, positiv, wie auch negativ. Und ich kann sagen, ich fühle mich wohl damit, ein Zonenkind und Wendekind zu sein. Es ist ein Stück persönliche Lebensgeschichte die man mit einem ganzen Land teilt. Diese bekommt nicht jeder geschenkt. In diesem Sinne…

„Über Mauern kann man fliegen, wenn man seinem Feind vergibt.“
Happy Einheitsbrei, meine Lieben! ♥
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