„Für jene, die nie aufhören können, wenn es am Schlimmsten ist. Die nicht glauben, sondern grauen und sich grämen, sich geißeln und verlieren. Die kämpfen bis zum Kotzen. Die fürchten und ekeln und anecken und schimpfen und schreien und nörgeln und heulen. Für jene, die nicht schön sein wollen, für jene, die nichts wissen wollen außer alles, für jene, die sich nicht bremsen können, die nicht elegant, nicht nett, nicht zart, nicht ironisch, nicht immer noch ein bisschen mehr sind. Für jene, die nicht tanzen können und nicht mal gehen. Für jene, die nicht loslassen können und nichts kaputt, nichts wieder gut und nichts ungeschehen machen. Für jene, die durch Wohnungen wandern und durch Städte, durch Köpfe und durch Ängste, durch Jammertäler, durch die immer gleichen Fragen ohne Antworten Fragen ohne Antworten Fragen ohne Antworten, für die Dummen und die Blöden, für die Verlierer und die Abgebrannten, für die Konjunktive, die Angsthasen, die Kontrollfreaks, die Zwangsneurotiker, die Depressiven, die Kaputten und all jene, die erst aufhören, wenn die Stimme versagt. Für alle ohne Fotofilter auf dem eigenen Leben.

Laut und sich überschlagend. Schreiend und wild und gar nicht mehr angenehm. Röchelnd vielleicht und gurgelnd, hysterisch und kreischend und schrill. Eine hastig zugeschlagene Haustür, ein startender Motor, eine Fahrradklingel, ein Gebrüll, eine Faust, eine Tischplatte, die sich getroffen fühlt. Manchmal leise, manchmal still. Immer: sehr, sehr sicher. – Roter Kopf und ganz ausgezerrt. Vielleicht auch blass und müde. Das Kämpfen kostet. Siebzehn schlaflose Nächte und dann umfallen und dann Toastbrot oder Coffee-To-Go. Flecken auf der Strumpfhose oder auf den Hosenbeinen und Knicke in der Kleidung. Gebückter Gang und Zornesfalte. Ein Stirnrunzeln und ungewaschene Haare. Die Wohnung ist ein Kriegsgraben und die Küche ist ein Minenfeld. Alter Kaffee und vertrocknete Pflanzen. Augenringe und ungeöffnete Rechnungen. Notizbücher und “Dokument 30″. Satzanfänge und Zeilenumbrüche. Briefmarken und Staubflusen. Alte Wäsche vor dem Bett und im Bad. Pizzareste auf Tellern und Kippenstummel in Aschenbecher. Leere Flaschen auf dem Boden. Vor dem Bett, vor dem Tisch, auf dem Tisch, unter dem Tisch, macht doch nichts. Macht doch wirklich überhaupt nichts.” | © Kathrin Weßling

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