79/12: Das Leben, die Zeit und Ich.

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Die Welt dreht sich schnell. Und zwar rasant schnell. Und nicht nur die Welt legt ein unaufhaltsames Tempo vor, nein auch die Menschen. Und wohl oder übel, auch gerade diese, die sich im eigenen näheren Umfeld befinden.

Vorvorgestern. Früher als mein Kopf noch schmiegsam mit der Schulbank zu einem ruhenden Pol verschmolz, es war so in der fünften oder sechsten Klasse, kann ich mich noch entsinnen, dachte ich, es ist noch so verdammt lange hin bis zur Abschlussprüfung. Was soll ich mich jetzt schon für irgendetwas entscheiden? Dann in der zehnten Klasse, es schien damals, als sei es schon am nächsten Tag gewesen, saß ich da. Nicht nur, dass ich mich noch immer nicht für irgend etwas entschieden hätte. Nein, ich habe mich noch nicht einmal dazu entschieden für welche Wahlfächer ich die meiste Motivation aufbringen könnte, um vielleicht einigermaßen gelassen durch die Prüfung zu kommen. Hey, aber was sollte es? In der zehnten waren meine Verhaltensmuster immerhin schon sehr alternativ angehaucht. Die Option war also: Wenn ich meine Prüfungen vermeier, dann mach ich einen auf Flower Power und gehe in die große weite Welt. Wer brauch da schon einen lächerlich Abschluss? Scheiß Streber doch nur! Wie man nun aber unschwer erkennen kann, sitze ich heute immer noch hier in der Zivilisation der “Normalos” und resümiere fleißig über meine Existenz in Form von Texten oder eben eines Buches. Klar, ich versemmelte zwar rein theoretisch die Prüfungen, doch die Güte war mir gegeben, das meine damalige (aus heutiger Sicht unbezahlbare) Klassenlehrerin hier und da noch einen Punkt fand, der meinen alternativen biergetränkten Hals doch noch aus der Schlinge zog und mich letzten Endes auch praktisch die Prüfung bestehen ließ. Ich glaube noch heute, das meine Klassenlehrerin von meinem Direktor angestichelt wurde, mich vom Schulhofe zu bekommen, um bloß nicht noch ein Jahr wiederholen zu müssen und weiterhin in den großen Pausen den Schulhof zu verrauchen und die restlichen Schulkameraden, mit meinem Kurt Cobain verseuchten Ego, zu schlechten Manieren zu verleiten. Da blieb mir nur zu sagen: Gut gemacht! – Also, wer auch immer?! …

Vorgestern. Dann war da die Geschichte mit dem ersten Kuss. Igitt, Mädchen! Blamable Sache, Händchen haltend über den Schulhof zu zuckeln. Wie sich später als positiver heraus stellen sollte, ist es von Vorteil sich keine Freundin aus dem eigenen Klassenverband anzulachen. Dieses Gekicher, Gegager und Zettelchen-zugeschiebe der Schulkameradinnen und Kameraden kann zu spät pubertären Entwicklungsstörungen führen, ganz abzusehen von den schulischen Fehlleistungen aufgrund unzureichender emotionaler Aufklärung. Hinzu kam grundlegend die fehlende Konzentration, weil nebenbei die Gedanken nur bei diesen Dr. Sommer-Frage-Antwort-Spielen aus der Schmuddel-BRAVO waren, dessen aktuellste Ausgabe frisch vom Kiosk, neben dem lustigen Taschenbuch und dem YPS-Heft in den Pausen herumgereicht wurde, mit diesen echt angstauslösenden Fragen über kleine ejakulierende Puller, auf dem Rücken wachsende Brüste oder gar Zungenspielchen an Orten die ich damals noch nicht einmal mit meiner optischen Wahrnehmung zu berühren wagte. Die Bilder in meinem Kopf waren manchmal wirklich furchteinflössender als der neue Nightmare on ElmStreet Schinken, der auf diesen neumodischen Westprogrammen lief, welche neben bunten Haribobärchen und reichlich Bananen auch zu den fragwürdigen Errungenschaften der damaligen Wende zählten. Eine verrückte Zeit jener Erforschung der eigenen Sexualität. Die meisten Erfahrungen sammelte ich im Abweisen meiner Freundinnen, wenn sie sich mit einem Hauch von erotischer, körperlicher Zuneigung näherten. Was irgendwann immer dazu führte, dass die Mädels schneller weg waren, als ich meine Liebesbriefe fertig schreiben konnte. Die Poeten hatten es halt noch nie einfach auf dieser Welt. Einerseits erfuhr ich so relativ früh, die Psychologie des anderen Geschlechts einschätzen zu können, andererseits verspürte ich erst relativ spät, welche Erregungen und wohligen Explosionen so ein intensiver Zungenkuss, nicht nur im eigenen Schoss, sondern auch im Herz- und Bauchbereich verursachen kann. Und so führte irgendwann eines zum anderen. Erster Zungenkuss, erste Fummeleien, erster Beischlaf, erste partnerschaftliche Bindung, erste Wünsche intensiverer partnerschaftlicher Bindung, erste schmerzvolle Trennung, erste frustvolle Beischläfe, erste Kinderwünsche (seitens des weiblichen Parts), erste Fluchtversuche, erste Beziehungskomplexe und die ersten Erfahrungen nach einer ausgedehnten Zweisamkeit wieder irgendwann Single zu sein. Und so hat sich auch diese Zeit, von neu gewonnen Empfindungen, Zwischenmenschlichkeiten und praktischen Umsetzungen von Dr. Sommer & Team, scheinbar von heute auf morgen von jugendlicher Frische mit sexuellem Verlangen in ein altbackenes Singledasein umgeformt.

Gestern. Aber immerhin, es sollte auch seine Vorzüge mit sich bringen. Freiheit! Mit meinem, im Gegensatz zum Schulabschluss, echt genialen Gesellen im Malerhandwerk, den ich im übrigen auch nicht mit Wohlwollen anstrebte, hatte ich nun genug Zeit und Freiräume Karriere auf stinkigen Baustellen mit noch stinkigeren Chefs und Architekten zu machen. Erst versuchte ich mir die heimatlichen Gefilde zu erobern, dann über die Bundesländer hinaus, bis hin in die westeuropäischen Regionen. Irgendwann kam ein Winter in der mich die Arbeitslosigkeit nieder streckte und mich zu dem Entschluss brachte, immer der Knecht von anderen zu sein kann ja wohl auch nicht der Inhalt von beruflich erfüllender Orientierung sein. Der Drang danach das zu tun, mit dem was ich will und was ich kann, inspirierte mich zur Selbstständigkeit. Yeah, ich war mein eigener Chef, nachdem ich einen enormen Papierkrieg mit der Handwerkskammer und Arbeitsagentur bestritt und mein ziemlich euphorisch dargelegtes Unternehmenskonzept, unter den Melodien dröhnender Fanfaren, den Sieg mein´gen nennen konnte . Nur leider musste ich früher oder später erkennen, dass ich für den Posten meines eigenen Chefs nicht die nötigen Kompetenzen mitbrachte. Zahlen waren dank meiner alternativen Experimente in der Schulzeit wahrlich nicht meine Welt und nebenbei hatten die Tage einfach zu wenig Stunden, die Wochen sowieso zu wenig Tage und die Arbeit legte einen in Fesseln aus millionenfach gehärtetem Stahl. Die ganze fette Dagobert-Kohle die ich mir erwirtschaftete, um neben dem staatlichen Abgaben, mich selbst auch noch zu finanzieren, um wiederum die Arbeitskraft anbieten zu können, um die Kundschaft zu beglücken und die Wirtschaftslage im allgemeinen zu unterstützen, vermochte mir nach geraumer Zeit auch keine Zufriedenheit mehr zu bieten. Der Gedanke mit der Freiheit fühlte sich in der Theorie irgendwie angenehmer an. Aber so ganz allein und nur Verantwortung für sich selbst war, ich kann es nicht anders ausdrücken, destruktiv für das eigene Wohlempfinden. Es fühlte sich an, als hätte ich mich in einer riesigen Schrebergartenkolonie verlaufen. Jedoch treffen es psychologisch gesehen wohl eher die Worte: Verlaufen im eigenen Ich. Ich habe alles andere vergessen auf dieser Welt. Freundschaften, Liebe, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Treue und überhaupt alles was mit dem Menschsein und dem verbundenen Zwischenmenschlichkeiten zu tun hatte.

Heute. Schon komisch. Das ging jahrelang alles ziemlich schleichend. Und warum? Weil ich vor wirklich wichtigen Entscheidungen davon gelaufen bin. Ob es die Prüfung in der Schule war, das Gefühl des ersten Kusses, die verpasste Berufsentscheidung, die Bodenständigkeit oder gar eine Bindung mit einer zweiten Hälfte an meiner Seite. Und dann ist es mir direkt ins Gesicht gesprungen, dass sich mein Irrgarten verworren hatte in all diesem Müssen und Überleben. Das Erwachsen werden müssen. – Jetzt sofort! Gleich! Aber schnell! Nur nicht den Anschluss verpassen! – Meine Güte! Solang ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte, solang hieß es auch immer: “Denk an deine Zukunft.” “Werde Erwachsen!” und “Mach doch mal was aus dir!” Immer wieder. Und wenn man immer denken soll und immer werden soll und immer tun soll, kurz: funktional und kompatibel, dann bleibt nun mal das Wichtigste auf der Strecke. Ich, der Mensch, das Individuum mit diesen ganzen Gefühlen und mein wirkliches Leben mit Träumen. Ich weiß nicht wie es andere Menschen in meinem Alter gemacht haben, so erwachsen da zustehen wie sie es gerade tun. Ihr Leben so sauber in die Bahnen lenken konnten. Sie haben zum Teil Karriere gemacht, vereinen sich von Liebespaaren zu Ehepaaren, bekommen Kinder, bauen Häuser und haben einen Garten mit einem tollendem Hund darin und einem Baum, den der Göttergatte auch noch hinein gesetzt hat, als sich beide die ewige Liebe schworen. Nein, ich verspüre keinen Neid. Nicht mehr! Weil ich weiß, das unsere Lebensläufe so verschieden sind wie unsere DNS-Stränge. Das Einflüsse, Vergangenheiten, Vorkommnisse die Menschen von einer Bahn auf die andere werfen. Weil es keine Standardisierungen gibt um ein Mensch zu sein. Wir sind so individuell, dass wir uns erlauben können mal langsam und mal schnell durchs Leben zu schreiten und wir auch erkennen sollten wann uns andere Menschen zur Seite stehen, um uns Orientierung zu geben, in Zeiten von Ziel- und Haltlosigkeit.

Morgen. Irgendwann finden wir zu uns selbst und vielleicht auch den passenden Gegenpart mit dem wir nicht nur sexuelle Bedürfnisse ausleben, sondern auch die Höhen und Tiefen des Seins durchleben. Gemeinsam erfahren, was das Menschsein bedeutet. Gemeinsam Ziele erreichen, auf einem Weg. Und dann sitze ich heute auf so mancher Kirchenbank bei einer Hochzeit. Sehe dort nicht die zwei Menschen am Altar wie sie heute sind. Die Braut vielleicht als eine erfolgreiche Angestellte und der Bräutigam mitten in seiner persönlichen Expandierung seiner Selbstverwirklichungen. Sondern ich sehe die Braut vor 20 Jahren Flöte spielend, bei der Schuleinführung meiner Schwester in meiner damaligen Schule und den Bräutigam deprimierend 5 Jahre zuvor auf meiner Couch, als auch er sich nicht mehr als er selbst fühlte und einsam war. Und dann sehe ich mich. Ich, wie ich heute bin, meine Entwicklung, meine Gegenwart und meine Zukunft. Und ich komme nur zu diesem einen Schluss: Wir haben es verdient “Wir” zu sein. Die einen kommen früher an, die anderen später. Vielleicht morgen oder eben…

…irgendwann…

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