All tommorow’s partys.

all tommorrows partys

Erinnerungen an eine dieser Nächte, vor langer Zeit, in der auch ich einmal (mehr oder weniger) wild das Tanzbein schwung. Sind auch gerade diese Nächte nicht ganz ohne Eindrücke hinterblieben. Ganz egal wieviel Flaschen und Gläser man dazu brauchte, wieviel kranke scheincoole DJ-Mucke man für “abgefahren” erklärte um sich endlich frei fühlen zu können… What a shit? It´s so simple…

„Vor der Clubtüre im rot stumpfen Morgenlicht merkst du: Die Stadt und der Moment gehören dir, ganz alleine. Zum allerersten Mal in dieser Nacht.“

Es ist Zeit, dass der DJ den öden Kram, den er nur spielt, um seine Kumpels zu beeindrucken, zur Seite stellt und ein paar Kracher raus feuert, bei denen man tanzen muss. Hier entscheidet sich die Nacht: Gehen wir bald nach Hause, sind morgen fit, machen einen Spaziergang, rufen die Oma an? Oder drehen wir noch richtig schön durch? Das richtige Lied: durchdrehen! Tanzen, natürlich, sofort! Und zwar alle! Auch die, die sich so neben der Musik bewegen, als bekämen sie den Takt von Außerirdischen eingeflüstert. Auch die, die zu alt sind, zu dick oder zu groß. Und die Partymütter, die bald den Babysitter ablösen müssen, sowieso. Die Männer, die nicht tanzen, würden am liebsten vor Ärger in ihre Gläser beißen, denn Tanzen ist ein vertikales, freundliches, unverbindliches Vorspiel und das findet gerade ohne sie statt. Deswegen blicken sie so ernst und verkrampft drein, als würden sie sich gerade einen Furz verkneifen. Und sie hoffen, dass doch eine der Frauen, die sich so toll bewegen, sie cooler findet als die Idioten auf der Tanzfläche. Funktioniert aber nicht. Vielleicht haben sie es gerade auch gerochen? Es hängt ein herrlicher Duft in der Luft, es riecht nach Exzess!

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Meine Lieblingszeit beim Weggehen begann so gegen zwei, denn das war dann in etwa die Zeit, in der mein maßvolles Trinken außer Kontrolle geraten ist und ich mich auf einem Sofa, respektive einer Bank, irgendwo im Hintergrund des Clubs ablegen musste. Durch den Alkohol ungehemmt und über jedes Schamgefühl erhaben, machte ich es mir in Jackenbergen bequem und schloss die Augen. Die Musik wummerte dumpf, die Stimmen rauschten an meinem Kopf vorbei, der Rauch kitzelte in meiner Nase. Ich schlief nicht sofort ein, ich genoß erst noch. Ich liebte diese erleichterte Stimmung nach dem Hinlegen. Schon fast im Bett und trotzdem noch dabei. So schön, der Abend, die lieben Menschen. So gemütlich, mein Rausch, die weichen Jacken. In Gedanken checkte ich noch mal die Möglichkeit, jetzt doch noch etwas Wichtiges zu verpassen. Aber die Erfahrung sagte: Der Abend ist entschieden. Ich war dabei, mehr muss man nicht. Und falls doch noch was passieren würde: Man wird mich wecken.

Auf meine Freunde ist da Verlass. Sie haben mich noch nie auf einem speckigen Ledersofa in irgendeiner Disko dieses Planeten vergessen. Sie wissen, dass ich da irgendwo noch rumliege.

Diese Gedanken beruhigten meinen Kopf, während der Bass meine Bauchdecke massierte, mein Atem verlangsamte sich, ich schlief ein und träumte von Beammaschinen. Plötzlich rüttelt eine Hand an meinem Knie: »Hey, du liegst auf meiner Jacke!« – »Was? Ihr wollt schon gehen?« Die Leute sagen, man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Das sind Leute, die nur Spaß haben, der nach festen Regeln funktioniert. Leute, die Party als Dienstleistung begreifen: Mach mich tanzen! Mach mich lachen! Gib mir Sex! – Wenn die Tanzfläche leer oder der DJ übermütig wird und Gassenhauer spielt, suchen sie nach ihren Jacken. Oder wenn sie jemanden zum Mitnehmen gefunden haben. Wenn sie bedient genug sind, um am nächsten Tag zu sagen: Ja, ja, das war ein prima Abend, muss ja wohl, hab ganz schön Kopfweh. Solche Art von Spaß ist so einfach zu haben wie Kaugummi aus dem Automaten und verliert genauso schnell das Aroma.

Nur wer sich unabhängig macht von DJ-Launen und Nachtbusfahrplänen, der macht die Nacht einzigartig.

Wer den Höhepunkt erreichen will, der muss durch das Partytal wandern, muss die bleierne Zeit aussitzen. Es ist nicht die schönste, aber die beste Zeit des Abends: Kampf mit Triumphgarantie! Genieße, dass sich die Müdigkeit anfühlt, als würdest du schweben. Beobachte die letzten verzweifelten Abschleppversuche und hol dir noch ein Getränk. Versuche nicht, die Heimgeher zum Bleiben zu bewegen, sondern hilf ihnen in die Jacke, du brauchst sie nicht! Wer jetzt bleibt, ist fest entschlossen und war es schon von Anfang an. Es sind immer die Gleichen. Denn wir wissen: Gleich kommt noch was, das ist noch viel schöner. Unsere eigene Nacht. Es wurde gegen 5.30 Uhr, als der DJ vom Helden zum Verräter mutierte. Aus seinem Aluminiumkoffer kramte er CDs, auf denen das Morgengrauen, Abschiede und geschlossene Türen eine Rolle spielten. Der Bouncer klatscht in die Hände. Schreit: Es ist vorbei. Aber wenn alles richtig gelaufen ist, dann hat die Nightlife-Industrie zu diesem Zeitpunkt sowieso schon alle Macht über dich verloren.

Du brauchst keine Verstärker mehr, die Vibrationen sind auch so spürbar. Vor der Clubtüre im rot stumpfen Morgenlicht merkst du: Die Stadt und der Moment gehören dir, ganz alleine. Zum allerersten Mal in dieser Nacht. Der beste Augenblick überhaupt.

Klettere auf eine Statue aus dem Dritten Reich und warte auf den Sonnenaufgang. Geh in die Kneipe an der Ecke und applaudiere dem schnauzbärtigen Karaoke-König. Singe selbst auf der Straße, wenn du willst. Ausgehen ist Antialltag, ein Kurzurlaub, an dem nur »Schönheit, Luxus, Wollust und Stille« sind. Um sieben, acht Uhr ging der Linienflieger meist zurück in die Normalität. Manche Menschen gehen noch in eine Bar, trinken drei Liter Wasser und nehmen eine Aspirin gegen die Druckunterschiede. Der Rausch fließt langsam aus dem Körper heraus, am grummelnden Magen und am Herzen vorbei, das jetzt noch einmal schneller zu schlagen beginnt, bis das Hochgefühl irgendwann in den Fingern und Zehen landet.

…War der Abend gut, kann man das Kribbeln am nächsten Nachmittag noch spüren.

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